Sollten Sie Ihr eigenes EA-Tool entwickeln?

In den vergangenen Monaten haben uns mehrere Kunden dieselbe Frage gestellt: Könnten wir unser EA-Tool mithilfe von KI selbst entwickeln, anstatt Lizenzgebühren für eine kommerzielle Plattform zu zahlen? Gerade für kleinere Organisationen ist dieser Gedanke durchaus attraktiv. Wir haben keine eigene EA-Plattform gebaut, aber wir haben unsere eigene Geschäftsanwendung mit KI-Agenten entwickelt, und diese Erfahrung zeigt uns sehr praktisch, was eine solche Entscheidung wirklich bedeutet.

Warum diese Frage gerade jetzt kommt

KI-Coding-Assistenten haben die Kosten/Nutzen-Betrachtung für Eigenentwicklungen grundlegend verändert. Aufgaben, für die früher ein Entwicklungsteam und ein entsprechendes Budget nötig waren, kann heute eine einzelne Person mit Fachwissen, Geduld und einem leistungsfähigen Coding-Agenten angehen. Kommerzielle EA-Plattformen sind hingegen für Enterprise-Anforderungen ausgelegt, etwa für feingranulare Berechtigungen, zertifizierte Integrationen, Audit-Trails und hunderte Nutzer. Kleinere Organisationen bezahlen diesen Funktionsumfang auch dann, wenn sie ihn gar nicht benötigen.

Ein kleines, selbst entwickeltes Anwendungsverzeichnis oder ein schlankes EA-Repository erscheint deshalb durchaus realistisch. Eine erste nützliche Version lässt sich erstaunlich schnell erstellen. Schwieriger wird es, sobald das Tool an Bedeutung gewinnt, die Erwartungen steigen und ein zuverlässiger Betrieb gewährleistet werden muss.

Was wir aus der eigenen Entwicklung gelernt haben

Seit Februar schreiben KI-Agenten jede Zeile von ITM InMind, unserer internen Plattform für Kundenmanagement, Asset-Management und unserem internen SAP LeanIX-Tooling. InMind ist produktiv im Einsatz und wird in unserem Unternehmen täglich genutzt. Die ersten Module bestätigten das Versprechen: Eine fokussierte Anwendung mit begrenztem Umfang ließ sich einfach und schnell umsetzen. Die eigentliche Herausforderung entstand später, als aus einem Prototyp ein zentrales Tool für unser Unternehmen wurde. Compliance-Anforderungen bedeuteten rollenbasierte Zugriffskontrolle, Audit-Logs, kontrollierte Releases und Backups. Seitdem jede neue Funktion all das berücksichtigen muss, benötigen unsere Coding-Agenten doppelt, teils dreimal so lange um Anforderungen umzusetzten. Und der generierte Code muss zusätzlich genau geprüft werden denn ungefähr jeder dritte Commit enthielt einen Logikfehler.

Diesen Weg haben wir ausführlich beschrieben, einschließlich der Frage, warum das, was wirklich funktioniert, eher KI-gestützte Entwicklung als Vibe Coding heißen sollte, in Vibe-Coding unserer eigenen Business-Anwendung. Die Kurzfassung: Ein fokussiertes Tool zu bauen geht tatsächlich schnell. Es zuverlässig zu halten, sobald sich Menschen darauf verlassen, ist die eigentliche Arbeit.

Zählen Sie zuerst Ihre Anwendungsfälle

Unsere ehrliche Antwort auf die EA-Tool-Frage hängt davon ab, wer fragt und wie gründlich der benötigte Funktionsumfang durchdacht wurde.

Beginnen Sie mit der vollständigen Liste Ihrer Anwendungsfälle. Eine echte EA-Plattform benötigt möglicherweise konfigurierbare Datenmodelle, berechnete Felder, Workflows, Assistenten zur Dateneingabe, Umfragen, Benachrichtigungen und Diagramme. Jede dieser Funktionen ist bereits für sich ein umfangreiches Projekt. Noch schwieriger werden die Fragen dort, wo sie zusammenspielen: Was geschieht, wenn eine Umfrage ein bedingtes Feld enthält, dessen Bedingung von einem berechneten Feld abhängt? Wann wird die Berechnung aktualisiert? Welcher Workflow startet nach dem Absenden, wer darf das Ergebnis sehen und wie werden Änderungen im Audit-Log dargestellt? Kommerzielle Plattformen haben Jahre damit verbracht, solche Randfälle zu lösen.

Betrachten Sie anschließend den laufenden Betrieb. In einer kommerziellen Plattform ergänzt ein Administrator ein Datenfeld per Konfiguration. In einem selbst entwickelten Tool kann jedes neue Feld eine Datenbankmigration, Änderungen an Backend-Modellen und Benutzeroberfläche, Berechtigungsprüfungen, Tests und ein Deployment erfordern. Sollen Felder konfigurierbar, berechnet oder bedingt sein, benötigt das System zusätzlich Validierungsregeln, eine Behandlung von Abhängigkeiten, Versionierung und ein vorhersehbares Verhalten in Formularen, Umfragen, Importen, Workflows, APIs, Benachrichtigungen, Audit-Logs und Backups. Die Komplexität addiert sich nicht nur, sie vervielfacht sich.

Die eigentliche Frage ist nicht, ob Sie es bauen können. Sondern ob Sie es über Jahre betreiben und pflegen wollen.

Mit genügend Zeit und Token-Budget lassen sich all diese Funktionen umsetzen. Das ist jedoch nicht die entscheidende Frage. Entscheidend ist, ob Sie sie über Jahre betreiben und pflegen wollen. Irgendwann verbringt die Organisation möglicherweise mehr Zeit mit Entwicklung, Tests und Wartung ihrer Plattform als mit den Architekturthemen, die sie damit eigentlich bearbeiten wollte.

Unsere Antwort

Aus unserer Sicht ist das eigene EA-Tool vor allem dann interessant, wenn Sie noch nie eines hatten und wenn Sie keine globale Organisation sind, in der mehrere Gruppen und Teams damit arbeiten würden. In diesem Rahmen bleibt der Umfang klein, die Lizenzersparnis ist real, und der Verzicht auf Enterprise-Funktionen, die Sie nie genutzt hätten, ist kein Verlust.

In einer Enterprise-Umgebung würden wir die kommerzielle Plattform nicht ersetzen. Konfigurierbare Berechtigungsmodelle, zertifizierte Integrationen, Auditierbarkeit, Leistung bei großen Datenmengen und Supportverträge sind genau die Bereiche, in denen diese Produkte ihre Lizenzgebühren rechtfertigen. Der Aufwand, diese Fähigkeiten selbst nachzubauen und dauerhaft zu pflegen, wird regelmäßig unterschätzt.

Für viele Organisationen liegt die praktische Antwort dazwischen: die kommerzielle Plattform als System of Record behalten und individuelle Werkzeuge und integrationen entickeln die fehlen. Genau das tun wir selbst. Das SAP LeanIX-Tooling in InMind ersetzt nicht SAP LeanIX. Es erweitert es.

Unsere FaustregelEntwickeln Sie Ihr Tool selbst, wenn der Umfang klein und spezifisch ist und voraussichtlich nicht wesentlich wachsen wird. Setzen Sie auf eine Plattform, wenn Governance, Integrationen und betriebliche Anforderungen für die Nutzung entscheidend sind. Kombinieren Sie beides, wenn eine Plattform den verlässlichen Kern bereitstellen und individuelle Werkzeuge Ihre spezifischen Anforderungen abdecken können.

Wenn Sie diese Entscheidung für Ihre eigene Organisation abwägen, teilen wir unsere Erfahrungen gern im Detail, einschließlich der Teile, die nicht reibungslos liefen. Sprechen Sie mit uns.

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